25.08.2016

Strain -- Driven / Second Coming 7"

Prince, Bowie, Lemmy ... 2016 ist definitiv kein gutes Jahr für Rock'n'Roll. Aber ehrlich gesagt, hält sich mein Interesse für diese Art Rock'n'Roll in Grenzen. Call me ignorant, aber ich habe noch nie eine komplette Platte dieser Künstler gehört, und ich glaube auch nicht, dass ich das noch mal tun werde. Musikalisch, so denke ich jetzt zumindest, werde ich also nichts vermissen. Aber mir ist natürlich klar, dass diese Leute vermisst werden. Als Künstler, als Menschen, als Wahrzeichen und Symbole. Und das tut mir verdammt leid.
Was mir auch verdammt leid tut: Der tödliche Arbeitsunfall von Jody Taylor am 31.03.2016. Tja, Baumpfleger, offenbar ein fies gefährlicher Beruf. Jody war Sänger von Strain -- eine der imho besten Hardcore-Bands der Neunzigerjahre -- und erst 43 Jahre alt, als ihn die Wucht eines abgesägten Astes tödlich verletzte. Ich habe ihn nur einmal persönlich getroffen, als Upset eine Support-Show auf der 1996er Strain-Tour spielte -- und "getroffen" ist dabei ziemlich weit hergeholt, denn tatsächlich gab es an diesem Abend nur wenig Interaktion zwischen den Bands. Ich glaube, wir waren viel zu klein, viel zu schüchtern, um mit den Jungs aus Vancouver zu quatschen, denn Strain waren für uns Götter, musikalisch absolute Helden. Ich weiß noch, dass wir in dem Laden ankamen, kurz was aßen, gleich darauf aufbauten und nach einem kurzen Soundcheck direkt spielten. Es war mitten in der Woche, der Zeitplan entsprechend straff. Nach uns dann Strain -- eine verdammte Offenbarung. So tight und heavy wie die Kanadier moshte damals keiner.


Die Driven / Second Coming Single habe ich das erste Mal in einem Hochhaus in der Magdeburger Ziolkowskistraße gehört, 1994/95 muss das gewesen sein. Seitdem bin ich hooked. Dieses eigenartig gestreifte Papier des Covers, dieser riesige Schriftzug über der Explosionswolke, dieser Übersong Driven mit seiner dramatischen Steigerung, den wir uns gleich ein paar mal hintereinander auf diesem halbautomatischen Plattenspieler anhörten, weil er so unfassbar war -- viele Erinnerungen, die ich mit dieser Platte verbinde. Und auch mit dieser Stimme.
Rest in peace, Jody.
Strain -- Driven / Second Coming 7", HeartFirst Records (1994)

P.S.: Unter den Hinterbliebenen ist auch Jodys zehnjährige Tochter, für die ein paar Freunde ein Spendenkonto eingerichtet haben: https://www.gofundme.com/czx35wt8

19.08.2016

Morrissey -- I just want to see the boy happy / Speedway 7"

Heute im Zentralorgan der SED, oooooops, ich meine natürlich in der sozialistischen Tageszeitung aus Berlin namens Neues Deutschland eine unterhaltsame Kritik zum Konzert von Morrissey im Tempodrom gelesen. Wirklich guter Text, den der Herr Thomas Blum da zu Papier gebracht hat. Und wirklich bedauernswert, die Auswüchse, die der Bekehrungswahn des Herrn Morrissey mittlerweile angenommen hat. Hier ein kurzer Eindruck aus besagtem Artikel:

"Während Morrisseys Klage über das Menschengeschlecht erklingt, suppt aus den Lautsprechern eine sehr dicke und sehr laute Gniedelrocksoße. So richtig fein abgestimmt ist der Klang nicht. Egal. Die politische und moralische Erziehung des Publikums ist schließlich wichtiger. Und die nimmt ihren Lauf. »No Trump! No Clinton! No Confidence!«, ruft Morrissey und gibt auch sonst zu verstehen, was er von Politikern im Allgemeinen hält. »Politicians are the real criminals.« Dabei verwechselt er schon mal den Nationalsozialismus mit der bürgerlichen Demokratie. Seinem deutschen Publikum beispielsweise gibt er einen Rat. Die Deutschen, sagt er, sollten sich über Hitler und ihr nationalsozialistisches Erbe (»heritage«) nicht zu sehr den Kopf zerbrechen, schließlich hätten die Briten Thatcher und Blair gehabt und die Amis den Herrn Bush. Für gewöhnlich sind derlei Obszönitäten nur auf NPD-Parteitagen zu hören. Aber wo gehobelt wird, da fallen eben Späne. Dass Hitler Vegetarier war, erwähnt Morrissey nicht.

Er will die Menschen nach seinem Bilde formen, ihnen den rechten Weg weisen zu einer gesunden und ethischen Lebensführung. Er will, dass die Menschen keine Salami mehr essen. Und er setzt auf Erziehung durch Schockbilder. Wenn man dem Publikum nur oft genug vorführt, was für ein Erzhalunke und Lumpenkerl der Mensch ist, wenn man es konfrontiert mit seiner Gemeinheit und Verkommenheit, immer wieder, dann lernt es etwas, glaubt Morrissey. Deswegen zeigt die Leinwand hinter ihm hässliche Szenen, die in Schlachthäusern aufgenommen wurden: kleine Schafe, die bei lebendigem Leib aufgeschnitten werden, eine Kuh, in deren fragendes Antlitz wir blicken, während quälend langsam alle Anzeichen des Lebens aus ihm schwinden, weil literweise das Blut aus dem Tier läuft. »Animals die, it’s murder!«, klagt der Sänger. Gleichzeitig wird hinter ihm ein riesiger Schriftzug in fragwürdigem Deutsch eingeblendet: »Was ist die Ihre Entschuldigung. Fleisch ist Mord«. Des weiteren erzählt Morrissey die Geschichte von dem Stierkämpfer, der von dem zuvor von ihm gequälten Stier niedergestreckt wurde. Und der Sänger erzählt auch, was seine Reaktion darauf war, als er diese Geschichte erfahren habe: »Ha-Ha-Ha!« Da feixt er und freut sich wie ein Schneekönig, dass der edle Stier den dummen Tierquäler zu Tode getrampelt hat. Heißa, was für eine Gaudi. »Hooray, the bullfighter dies, nobody cries.«"

Tja, wenn man solche Beschreibungen liest, dann ist wohl von zukünftigen Konzertbesuchen bei olle Mozza eher abzuraten. Mit Würstchenwasser gefüllte Spritzpistolen wären vielleicht noch eine Idee zur Auflockerung derartiger Veranstaltungen, aber das wäre dann wohl ein eher teurer Spaß.
In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich auch die Frage, ob man Morrisseys Musik angesichts dieses ganz offensichtlichen Irrsinns noch so uneingeschränkt abfeiern / konsumieren sollte.
Ja, stimmt. Es gibt wirklich Schlimmeres. Und überhaupt, Genie un Wahnsinn und so.

Die Single hier habe ich übrigens in der Space Hall aus einer Grabbelkiste gefischt, für ein oder zwei Euro, allerdings ohne Cover. (Bummer.) Musikalisch schließe ich mich voll und ganz der NME-Kritik an: "This is Mozza at his mic-lead whipping best."

Morrissey -- I just want to see the boy happy / Speedway 7", Sanctuary Records (2006)

15.07.2015

Boxhamsters - Philipp Goes To Kinder Kriegen 7"

Als ich noch ganz klein war, haben die großen Brüder meiner Freunde immer Boxhamsters und EA80 gehört. Meine Freunde und ich dann irgendwann auch. Logisch. In puncto Musiksozialisation hätte es mich also sehr, sehr viel schlechter erwischen können. Schließlich sprechen wir vom Anfang der Neunziger und einem 400-Einwohner-Dorf mitten in Dunkeldeutschland. Der Standard in Sachen Freizeitgestaltung lautete für die ostdeutsche Dorfjugend damals bekanntlicherweise Fußball, Bushaltestelle, Hasseröder, Onkelz, Landser.

So richtig gefunkt hat es zwischen mir und den Boxhamsters allerdings nie. Schuld waren wahrscheinlich Bad Religion, Circle Jerks und Minor Threat -- alle schneller, lauter und irgendwie auch 'ne ganze Spur cooler als irgendwelche "Deutschpunkbands" aus Gießen.

Neulich -- sprich: fast 25 Jahre später -- dann in der Space Hall zu Berlin die Philipp Goes To Kinder Kriegen 7" entdeckt und aus einer Laune heraus mitgenommen. Und was soll ich sagen? Volltreffer!!! Ich bin hooked. Supratendenz again and again and again.
"Ganz tief im Regen stellst du fest, jetzt ist die Zeit zu flennen /// Schau durch die Mauern, die das Innere vom Äussern trennen /// Macht dir die Tür auf, winkt uns zu -- genügend Platz für beide /// Steig da nicht ein, dort kleben Mücken auf der Seitenscheibe"
Vielleicht wird das mit mir und den Boxhamsters doch noch was.

Boxhamsters -- Philipp Goes To Kinder Kriegen 7", Bad Moon Records (2010)

07.07.2015

Risk It! -- The Only Thing 7"

Eine richtige Hardcorescheibe fängt mit einem Intro an. Fakt. Feedback oder Filmdialog am Anfang, dann eine Minute fies pumpender Midtempo-Mosh und zum Schluss ausklingen lassen, um geschmeidig in den ersten Song reinzugleiten. Auf keinen Fall irgendwelche Vocalmätzchen oder Leadgitarren, bitte! Never.
Das hört sich einfach an, ist aber eine wahre Kunst, die nur noch sehr wenige Bands beherrschen. Zuletzt souverän zelebriert von MADBALL auf Hardcore Lives. Und von RISK IT! auf ihrer Fünf-Song-Single The Only Thing. Perfekt betitelt, zeigt der Instrumentalopener auf dieser Seven Inch gleich die Marschrichtung der Dresdener an: Classic Hardcore steht auf dem Programm.



Im Grunde kann man sagen, dass sich RISK IT! so ziemlich aller gängigen Klischees bedienen, die man sich von einer Hardcoreband klassisch New Yorker Prägung mit Youthcrew-Background erwartet. Und was soll ich sagen? Ich liebe sie dafür! Nike Air Max, abgeschnittene Tarnhosen, zugehackt bis unter die Kinnlade, Basecaps nach hinten, schwarze Bandshirts, Action-Pit-Bilder und Crew-Fotos. Dazu dann perfekt zelebrierter Big-Apple-Hardcore mit jeder Menge Moshparts, Gang-Shouts und No-Bullshit-Lyrics. Klar, tausendmal gehört, tausendmal gelangweilt, aber irgendwie kicken mich die Jungs, und ich pumpe diese Scheibe öfter, als es meinen Hornbrillen tragenden Freunden mit Spex-Abo lieb ist.
Auch live rischtisch geil, obgleich ich finde, dass sie mit diesen immer gleichen M.A.D.-Packagetouren fast schon etwas omnipräsent sind. Neues Album namens Cross To Bear kommt auf Farewell Records im Herbst. Gespannt.

Risk It! -- The Only Thing 7", Farewell Records (2013)


19.06.2015

Moral Mazes -- MagicTommyJackson 7"

I think it's safe to say that very few records had such a lasting impact on me -- and as far as I know, on entire generations of mid-90's hard- and emocore kids -- as FAR's Water & Solutions from 1998. Funny thing is, though, that it took me until 2001 to find out about this masterpiece: I was enlightened by a roommate / friend who was into HELMET, DEFTONES, HANDSOME and all these rather big "major label bands" that diy hardcore kids like me didn't listen to until much later. This friend and I, we sort of traded our favourite bands: I gave him TEXAS IS THE REASON, JAWBOX and PROMISE RING and he introduced me to FAR, INCUBUS and DEFTONES -- all of which I fell in love with immediately.

As almost all of the great bands from that particular era are pretty much dead and gone now, you are left with two options: One, follow the singer/songwriter projects the frontmen of these bands started and get used to people half as old as yourself lighting their Bics at "intimate seated concerts" (yawn) or, second, hope for reunion shows and be disappointed because it will "never be as good as back in the days" (yawn).
Personally, I've always been very fond of a another option: Let the past be the past. Move on. And get a new band going.
Unfortunately, very few people share my opinion.

Being the exceptional artist that he is, Jonah Matranga is doing all of these things: He, first, has an impressive catalog of singer/songwriter releases, second, did an awesome "comeback album" with his old band FAR some years ago and, third, has been starting new bands and projects all the time.

One of these projects is MORAL MAZES, a band that unites Jonah (FAR, NEW END ORIGINAL, GRATITUDE, ONELINEDRAWING), J. Robbins (GOVERNMENT ISSUE, JAWBOX, BURNING AIRLINES), Jeff Dean (DEAD ENDING, ALL EYES WEST) and Darren Zentek (OFFICE OF FUTURE PLANS).
And as everybody expected, the outcome is amazing.



As I liked MORAL MAZES' two song 7" on Bridge Nine Records sooooooooo much, I decided to get in contact with Jonah and see if he was into doing a mini-interview with me. Luckily, he took the time to answer ...

How did MORAL MAZES come together as a band/project and how did the 7" happen?
Jeff Dean wrote to me first, just asking if I'd want to sing over some music he'd written. They were good tunes, and he was being really nice and enthusiastic. When I heard J Robbins was involved I got even more curious. They were really patient with me, so I just listened to the tunes til melodies started arriving. I recorded the vocals in my bedroom, then sent the tracks to J so he could mix them in for real.

What is the title of the record, "Magic Tommy Jackson", all about?
Oh, haha, that was just me being silly on tour, realizing that I could mix up all those names in different ways. I got to thinking about race and celebrity and all sortsa fun stuff. The other guys were okay with it, so we went with it. I had a simple art idea, and then the Bridge9 guys had someone make a really cool version of it.

What are your short/mid term future plans w/ MORAL MAZES?
We're just keeping it loose, we're all really busy with other stuff. We've literally never even been in a room all together. We just love making music.

What other projects are you currently involved in? What's up with new releases from JONAH / ONELINEDRAWING / FAR?
I put out a onelinedrawing record early last year, and I'm working on tons of stuff now. The main thing I'm doing is actually this community called I.D.E.A.S. (http://jonahmatranga.com/ideas), just sending songs out to people directly and having a lot of fun with that. I'm gonna go and record some stuff more stuff with J and Zach from Burning Airlines, we'll see what happens with that. I'm just always looking to collaborate with people and see what we can cook up.

What does an average day in the life of Jonah Matranga look like?
Hmm. I've kinda built my life around avoiding anything too repetitive or structured. I don't have much money, but I have a lot of autonomy and freedom. When I'm home, I get up, move around some, maybe have a little solo dance party to get the blood moving, then pretty much sit down at the computer and keep in touch with people, send out orders, sing, all that fun stuff. I take care of everything associated with the music, so that keeps me happily busy. And sometimes I just go and walk by the ocean. That never gets old.



What is the song "The Long Way" about?
That was me being really frustrated trying to think of something decent from the song, so I just went into the frustration and self-doubt that, for me, comes with being creative. One thing I love about making stuff is getting to face those self-hating demons and turn them into songs.

The last five records you bought?
Kendrick Lamar's new one, this band Sylvan Esso cos my friend Matt told me to get it, and then some old stuff by Public Enemy, Jay-Z and Gnarls Barkley cos they were on sale supercheap.

Moral Mazes -- Magic Tommy Jackson 7", Bridge Nine Records (2014)

11.06.2015

Dead Heavens -- History In My Hands / 36 Chambers 7"

Walter Schreifels. Schon wieder? Schon wieder. Im Gegensatz zu VANISHING LIFE dieses Mal aber an Gitarre U-N-D Gesang. Und, wie wird das wohl klingen? Wie GORILLA BISCUITS? QUICKSAND? RIVAL SCHOOLS? Nope. Der jüngste Schreifels-Sprößling kommt retro-rockig daher. Klingt extrem angestaubt, ich weiß, aber isso: Was ihr hier zu hören kriegt, ist lupenreiner Rock. Groovig zwar und mit leichtem Indieeinschlag sowie Walters wunderschönen Säuselstimme obendrauf, aber auch schrammelig und lo-fi und ver-wah-waht ohne Ende. Sixties? Seventies? Wahrscheinlich. Kenn ich mich aber nicht aus, um jetzt tolle Referenzen aus dem Hut zu zaubern. Mir jedenfalls läufts ganz gut rein -- vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil ich bei jedem Riff, jedem Break, jeder Zeile die von mir fast schon abgöttisch verehrten Altbands des Herrn Schreifels durchschimmern höre.

Ich denke nicht, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich jetzt sage, dass DEAD HEAVENS eher wenige Leute interessieren würden, wären da nicht Walter und einige ex-Mitglieder von YOUTH OF TODAY, WHITE ZOMBIE und CULTS am Start. Das mag jetzt etwas unfair klingen, da sich die Herren ja auch nur den Ar*** aufreißen, um mit selbigem an die Wand zu kommen, aber angesichts der relativ unspektakulären Musik reduzieren sich die berichtenswerten Details leider auf den Hype um die Personalie Walter Schreifels. Ein netter Kerl, ohne Frage, und ein angenehmer Interviewpartner noch dazu -- davon konnte ich mich vor ein paar Wochen bei einem halbstündigen Skype-Gespräch überzeugen. Das Ergebnis der Laberei könnt ihr übrigens in der aktuellen Ausgabe des OX Magazines (Nummer 120 vom Juni/Juli 2015) auf Seite 41 bestaunen.

Fazit: Da DEAD HEAVENS gegenwärtig die Hauptband von Schreifels ist und wir alle seine unerhörten Qualitäten als Songwriter und Bandmacher kennen, bleibt uns nichts anderes übrig, als diese eher lauwarme Single als eine Art Versprechen zu sehen -- ein Versprechen auf die Zukunft und auf eine hoffentlich bald schon fantastische Band, die an die einstigen Großtaten ihrer Mitglieder anknüpfen wird. An Potenzial mangelt es ganz gewiss nicht.

Dead Heavens -- History In My Hands / 36 Chambers 7", Thrill Me Records (2015)




05.05.2015

Vanishing Life -- People Running / Vanishing Life 7"

In letzter Zeit habe ich eigentlich nur Filmsoundtracks gehört -- Sachen von Jon Hopkins, Hans Zimmer oder Dickon Hinchliffe ... unfassbar bewegende Musik, die es natürlich nicht im 7"-Format gibt. Somit war mein Output für siebenzollmusik entsprechend gering, aber das wird auch wieder besser. Versprochen.
Die Tatsache, dass mittlerweile schon fast wieder Sommer ist und für mich die Outdoor-Saison mit drei Trainings die Woche und Turnieren an den Wochenenden begonnen hat, trägt natürlich auch nicht gerade zu einem Überschuss auf meinem 7ZM-Zeitkonto bei. Nebenbei bin ich nach wie vor Full-Time-Dad in Elternzeit, der obendrein versucht, die Weichen für seine im September geplante Rückkehr an den Schreibtisch der Lohnsklaverei zu stellen. Genug auf'm Teller? Genug auf'm Teller for sure.

Als Überleitung zu der Vanishing Life 7" würde sich jetzt eine Anspielung auf mein "verschwindendes / verschwundenes / sich auflösendes" Leben anbieten ... aber ehrlich gesagt, fand ich dieses Wehklagen der Marke "Seitdem die Krabbe da is, hab ich kein Leben mehr" schon immer lächerlich.
Statt einer Überleitung lieber die Antwort auf die Frage: Wie kam ich eigentlich auf Vanishing Life? Nun, im März habe ich per Skype ein Interview mit Walter Schreifels geführt, in dem es um seine neue Band Dead Heavens ging -- eine interessante halbstündige Plauderei über Schreifels neue Band, das Älterwerden und seine Beziehung zu Berlin. Eigentlich hatte ich gehofft, das Ganze als Interview im so ziemlich besten deutschsprachigen Zine unterbringen zu können. Aber nischt da. Fehlanzeige. "Zu kommerziell" hieß es im Ablehnungsschreiben.
Bei der Vorbereitung des Interviews zu Dead Heavens stieß ich auf Vanishing Life, eine Art All-Star-Combo mit Walter Schreifels am Mic, Zach Blair von Rise Against an der Gitarre und Jamie Miller and Autry Fulbright von ... And You Will Know Us by the Trail of Dead in der Rhytmusabteilung. Allesamt also altgediente Vollblutrocker, für die gemeinsame Proben ein gottverdammter Hassle sind. Rumor has it, dass die vier Haudegen beim Studiotermin für diese Single zum ersten Mal gemeinsam mit ihren Instrumenten in einem Raum standen. Beeindruckt? Geht so. Ist ja eigentlich auch Brille ... herauskamen jedenfalls zwei ansprechende Midtempo-Hardcorepunk-Smasher mit melodischer Kante und Schreifels melancholischen Trademark-Vocals on top. Irgendwie erinnern mich die beiden Stücke rifftechnisch einerseits an frühe Black Flag, andererseits aber auch an flottere Hot Snakes oder knackigere Drive Like Jehu -- ein Vergleich, mit dem ich zugegebenermaßen ziemlich allein dastehe.
Das Artwork kommt etwas lieblos daher: Wannabe-Xerox-Ästhetik mit Klappmessern als Motiv. Aber sei's drum ... eine Ü-40-Band, die mich anno 2015 noch mit Zwei-Minuten-Smashern in meine längst vergangenen Zwanziger zurückkatalpultieren kann, hat meinen Segen.

Vanishing Life -- People Running / Vanishing Life 7", Collect Records (2014)

23.03.2015

The Julie Ruin -- Brightside / In The Picture 7"

Kathleen Hanna. Ihr wißt schon, Bikini Kill, Le Tigre, Riot-Grrrl-Pionierin par ecxellence. Doesn't ring a bell? Dann vielleicht mal The Punk Singer schauen. Trailer weiter unten.

Seit 2010 ist Hanna mit ehemaligen Bandkolleginnen aus Bikini-Kill-Zeiten in The Julie Ruin unterwegs. 2013 dann das Debütalbum Run Fast über das bandeigene Label TJR Records und Touren hüben und drüben. Das Erstlingswerk ist zwar die erwartete und allseits gefeierte Hammerplatte, für mich persönlich aber kein Hit-auf-Hit-Album im Le Tigre-Style. Aber ich schweife ab ...

Die Single Brightside / In The Picture kam zum Record Store Day 2014 raus und enthält zwei Songs aus der Run Fast-Session, die nicht auf dem Album gelandet sind. Die beiden Stücke sind etwas gediegener, schnulzpoppiger als der Rest des Albums, aber trotzdem unverkennbar Kathleen Hanna.

Hergestellt und vertrieben werden die Platten von The Julie Ruin übrigens von Dischord, bzw. deren Inhouse-Vertrieb Dischord Direct. Und über genau die lief ja neulich dank Schnick Schnack Schnuck in ausgewählten deutschen Kinos eine Doku -- Salad Days: A Decade Of Punk In Washington, DC. Ich fand den Film zwar spitze und kann ihn nur wärmstens all jenen empfehlen, die noch nicht Dance Of Days gelesen haben, aber eine Sache hat mir bei der ganzen Ian-Henry-Alec-Guy-Abfeierei dann doch zu denken gegeben: Ich hab nur fünf Frauen unter den unzähligen Interviewpartnern der Doku gezählt.

The Julie Ruin -- Brightside / In The Picture 7", The Julie Ruin Records, Dischord Direct (2014) 


11.03.2015

Terror -- Hard Lessons / Only The Devil Knows 7"

Es gibt ja Bands, die findet man gut, und keine Sau glaubt es einem. Bands, die man nach landläufiger Meinung nicht hören kann, was meist mit einem "Das is ja so stumpf, das geht jawohl überhaupt nicht!" begründet wird (was auch immer das heißen soll). Natürlich habe auch ich ohne Ende Leichen im Keller, wobei meist Nostalgie oder ein gewisser Hang zum Kitsch eine Rolle spielen. So halte ich Urban Discipline bis zum heutigen Tag für ein unerreichtes Meisterwerk und feiere jeden einzelnen Song, den John Francis Bongiovi, Jr. je geschrieben hat. Mir Brille, ob das "überhaupt nicht geht".

Terror ist auch so eine Band, bei deren Erwähnung ich oft nur verächtliches Naserümpfen oder gelangweiltes Augenrollen ernte ... ironischerweise meist von Leuten, die Screamo tatsächlich für ein Genre und nicht für einen Treppenwitz der Punkrockgeschichte halten.
Anyways, letzten Samstag war ich auf einer Show von Scott und Co. in -- und jetzt haltet Euch fest -- Magdeburg! Auch wenn es publikumstechnisch erwartungsgemäß finster war, Terror haben abgeliefert. Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte, aber gut. Natürlich wurde auch Hard Lessons zum Besten gegeben, und die Dorfis aus der Börde haben ihn genauso gefeiert wie ich.

Terror -- Hard Lessons / Only The Devil Knows 7", Reaper Records (2012)

27.02.2015

ManLiftingBanner / DeadStoolPigeon -- Split 7"

Als Ten Inches That Shook The World die HC-Szene Europas umkrempelte, war ich gerade anderweitig beschäftigt. Die Victory-Mischpoke mit Snapcase, Earth Crisis, Integrity und Co. hatte mich fest im Griff. Dementsprechend gering war mein Interesse an europäischen HC-Bands wie ManLiftingBanner. Dass ich den markanten Gesang von MLB-Frontmann Michiel von Anfang an phänomenal fand, half nicht sonderlich viel, denn die Musik der Holländer war mir damals einfach eine Spur zu thrashig und zu derbe. Schon bei Profound konnte ich dieser Raserei nichts abgewinnen, und auch mit DeadStoolPigeon wurde ich später nie so richtig warm. Wenn ich ehrlich bin, ließ mich diese ganze Euro-SXE-Thrash-Kiste ziemlich kalt -- ganz im Gegensatz zu den jüngeren Bands dieser Szene wie Feeding The Fire oder Spawn, die den Fuß öfter mal vom Gaspedal nahmen.
Dem Mythos hinter MLB war ich allerdings von Anfang an verfallen. "C o m m u n i s t  S t r a i g h t  E d g e  H a r d c o r e". Klang toll. Klingt toll. Endlich mal was Handfestes, Kraftvolles, Konkretes -- für orientierungslose HC-Kids damals wie heute eine willkommene Alternative zu dem undefinierten Bauchlinksgefühl, das zusammen mit veganer Vokü-Pampe in den AJZs dieser Republik serviert wird.

MLB: Streitbar? Streibar!
Wie bekannt sein dürfte, lösten sich ManLiftingBanner 1994 auf, agitierten aber in anderen Formationen weiter: DeadStoolPigeon, Seein Red, Mainstrike, Birds Of A Feather etc. pp. Im neuen Jahrtausend schwand der Einfluß der Punks mit Parteiausweis auf die Hardcoreszene allerdings zunehmend. 2012 dann die Renaissance: die Speerspitze der einst so produktiven Euro-Kommi-SXE-Szene wurde wiederbelebt, und es folgten mit The Revolution Continues (2012) und Red Fury (2014) zwei amtliche Alben auf dem Kultlabel Crucial Response Records. Vergangenen Sommer, also 25 Jahre nach Gründung von ManLiftingBanner, überraschte Refuse Records wie gewohnt positiv und releaste diese Split 7" mit der MLB-Zwillingsband DeadStoolPigeon.
Zu hören gibt es vier Coversongs: ManLiftingBanner bearbeiten Smasher von SSD und GBH, aufgenommen während der Red Fury-Sessions, und DeadStoolPigeon steuern Versionen von Alone In A Crowd- und Underdog-Klassikern bei, die bereits 1996 eingespielt wurden. Leider wirken ManLiftingBanner bei ihren beiden Songs etwas blaß und ausdrucklos -- da hilft es auch wenig, dass Big John Duncan (Gitarrist des klassischen Exploited-Lineups von 1980-1983) den Song Race Against Time (GBH) mit ein paar Gitarrenparts aufzupeppen versucht. Ganz anders die knackigen Aufnahmen von DeadStoolPigeon, bei denen Sänger Michiel wieder einmal ganze Arbeit leistet und Commitment von Alone In A Crowd zum Hit der Single macht.

Sieht so aus, als würden MLB und DSP ihre Mission nach wie vor verdammt ernst nehmen und sich einen feuchten Kehrricht um die Punkrockrente scheren. Auch wenn inhaltlich keine großen Sprünge mehr von den Genossen mit den Stromgitarren zu erwarten sind, gibt's dicke Props für die Kampfansage gegen die zunehmende Belanglosigkeit der zeitgenössischen HC-Szene.

ManLiftingBanner / DeadStoolPigeon -- Split 7", Refuse Records (2014)