30.09.2016

Beton Combo -- Sound Ltd 7"

Wer vom Lande kommt und in Dorfpunkbands gespielt hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch mal Nazis Raus! von Slime gecovert haben. Und wer das, wie ich, gefühlte Jahrhunderte vor Einführung des Internets machte, wird auf seinen in Punkerklaue beschrifteten Slime-Tapes hinter dem Titel Nazis Raus! ganz bestimmt nicht den Vermerk "Beton Combo-Cover" gefunden haben. Im Rückblick natürlich etwas bitter und ein weiterer Beweis für meine Theorie, dass ganze Generationen von Dorfpunks durch diese ewige Slime-Fixiertheit viele Deutschpunkperlen übersehen haben.
Schade, Schokolade, denn irgendwann hat jeder mal von Alle gegen Alle und Yankees Raus genug und entdeckt Against The GrainThe Age Of Quarrel, Screaming For Chance oder Break Down The Walls. Dann ist Deutschpunk für ein paar Jahre nur noch peinlich und abgemeldet -- und zwar mindestens bis zur ersten Nostalgiephase, die bei mir mit 20 aufkam.
Wenn ich mir dann heute Platten wie die 2014 von Static Age/Static Shock Records wieder aufgelegte 7" der eingangs erwähnten Beton Combo anhöre, fällt's mir wie Schuppen von den Augen und mir wird klar, was für geniale Deutschpunkbands es doch gab. Aber was soll's?! Besser spät als nie.
Im Folgenden die der Re-Issue beigefügten Liner Notes von Tom Schwoll (Zerstörte Jugend, Jingo de Lunch, Skeptiker), der auf sehr charmante Weise alles sagt, was zu dieser Single zu sagen ist:

"Es muss ca. 1980 gewesen sein, dass ich das erste Mal den Namen Beton Combo gehört habe. Jeden Freitag gab es eine Disco im Mittelstufenzentrum Lipschitzallee, wo ich mich auf der Suche nach einer Toilette über eine Wendeltreppe in einen Proberaum verirrte. Dort traf ich einen Schlagzeuger, der mir erklärte, er sei der Schlagzeuger von Beton Combo. Ich war schwer beeindruckt.
Ich kannte die Musik zwar noch nicht, wusste aber, dass es eine Punkband aus der Gropiusstadt war, und hatte läuten hören, die seien schwer angesagt. Wer die Gropiusstadt kennt, der weiß, was für ein grenzgenialer Name Beton Combo für eine Punkband ist, deren Protagonisten aus einer gerade aus dem Boden gestampften Trabantenstadt kommen, eine regelrecht Betonwüste, die schon damals als sozialer Brennpunkt galt. Christiane F. (Felscherinow) hatte mit ihrem Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo einen Riesenhit gelandet und so der Gropiusstadt zu einem überregionalen Bekanntheitsgrad verholfen.
Zwei Jahre Später spielte ich mit einer Punkband, die sich Zerstörte Jugend nannte. Bad Brains, Adolescents und Minor Threat waren zu dieser Zeit meine großen Helden, als ich eher durch Zufall die Beton Combo EP High On War in die Finger bekam. Ein Hammer-Punksong, der alles beinhaltete, was einen perfekten Song ausmacht: geiles Arrangement, coole Hookline, stimmige Lyrics, eine ordentliche Portion Rock'n'Roll angeführt von einer aggressiv vortragenden Stimme.
Ich hatte damals die für meine Umwelt oft nervige Angewohnheit, eine Stunde oder länger denselben Song zu hören, und ich freute mich immer wieder diebisch auf die Schlagzeugbetonung im Gitarrensolo, die mich irgendwie an Motörhead erinnerte. Das mit dem Refrain gleich der Song beginnt, nämlich erst die Stimme, dann die Band und nicht umgekehrt, fand ich derzeit so unverfroren wie genial. Ebenso wie den Stopp in der ersten Strophe: "Auf deinem Rücken steht 'We come to kill'." Ein super Bassgewitter war auch eingebaut und alles so raffiniert zusammengebastelt, dass zumindest für mich an keiner Stelle des Songs Langeweile entstand. High on war ... rattattattattatta!
Circa fünf bis sechs Jahre später spielte ich mit einer Band namens Jingo de Lunch, schielte auch ein wenig nach Kohle und stand natürlich auf der Gästeliste bei einem ausverkauften Slime-Konzert in der Hasenheide. Zum Höhepunkt des Konzertes, als die obligatorische Coverversion des Beton Combo-Liedes Nazis raus anstand, und Slime und 1500 betrunkene Deutschpunks Sänger Heske auf die Bühne grölen wollten, weigerte sich dieser standhaft. Ein paar Jahre später hatte ich die Gelegenheit, Heske auf das Konzert anzusprechen, worauf er mir in knappen, aber deutlichen Worten erklärte, dass er keineswegs dazu bereit sei, ein aus einer politischen  Überzeugung entstandenes Lied auf einer Karnevalsveranstaltung oder einem Klassentreffen vorzutragen. Beton Combo hatten niemals die Intention mit ihrer Musik Geld zu verdienen. Sie waren eine echte Punkband."

Tom Schwoll, Berlin 2014



Beton Combo -- Sound Ltd 7", Static Age (2014)

23.09.2016

Gameface -- Regular Size 7"

Gameface? Gameface. Ein Phänomen, diese Band. Als sie 2013 mit einer Single um die Ecke kamen und dann sogar noch eine LP namens Now Is What Matters Now auf Equal Vision Records nachlegten, dachte ich erst: "Fuck, noch so ein angegammelter Zombie zur Verstärkung des scheinbar endlosen Heers der Reunion-Untoten." Hört man sich die Scheiben an, ist schnell klar, dass Jeff Caudill und Co. zehn Jahre nach ihrer letzten offiziellen Scheibe und fast 25 nach ihrer Debüt-7" (1991 auf Nemesis Records!) nicht so fies nach Leiche stinken wie einige ihrer damaligen Zeitgenossen bei ähnlichen Comebackversuchen. Tatsächlich kommen Gameface sogar ziemlich fresh daher. Zugegeben, in den Neunzigern mochte ich Farside und Lifetime immer etwas mehr als Gameface -- die waren mir damals einfach zu epitaphig und fatwreckig --, und genau deshalb bin ich heute auch ziemlich froh darüber, dass Popeye und Ari in Würde zu altern scheinen. So eine Reunion ist nämlich eine knifflige Sache. Eine halbgare Platte, ein lahmes Konzert, und der Ruf einer legendären Band ist ruiniert. So wie ich das sehe, müssen Gameface sich diesbezüglich allerdings keine Sorgen machen.


Gameface-Alben kamen früher auf Revelation, Doghouse und Dr. Strange raus. Heute bäckt man scheinbar etwas kleinere Brötchen bei Equal Vision Records (Weiß Labelgründer Ray Cappo eigentlich, was da heutzutage rauskommt?) und DIY-Labels, deren Namen ich mir nicht merken kann. Zu diesen gehören das mittlerweile aufgelöste Bielefelder Label Coffee Breath and Heartache und das in UK ansässige Unless You Try Records, die zusammen diese Single von Equal Vision lizenziert und in Europa veröffentlicht haben. Und wie das bei kleinen Labels so ist, geben die sich etwas mehr Mühe bei der Präsentation -- in diesem Fall stechen das wirklich schicke Siebdruckcover und die farbigen Vinyloptionen ins Auge. "Regular Size" ist quasi die zweite Single-Auskopplung der Now Is What Matters Now LP, "Mirrors" ein Cover des gleichnamigen Justin Timberlake-Songs. Haut mich musikalisch nicht wirklich vom Hocker, kommt dafür aber sehr authentisch und heartfelt rüber.

Gameface -- Regular Size 7", Coffeebreath And Heartache, Unless You Try Records (2014)

19.09.2016

1 Hugo alkoholfrei bitte, Herr Ober.

Geiles Wochenende. Geile Storys.

Hier eine spontan zusammengestellte Spotify-Playlist mit 101 Songs von Bands/Leuten, die wir gefeiert und/oder gehatet haben:


Beste Story imho war übrigens die von der Klassenfahrt Mitte Neunziger nach Prag. "Alle saufen sich knülledicht in der Jugendherberge. M. und S. aber fahren mit dem Bus ins 007 und schauen sich Strain an."


16.09.2016

Nots -- Virgin Mary 7"

"You have to forget everything and just do it — just go play. Get other girls to play with, or dude friends who are feminists, get them and just go for it. It sounds cheesy, but it doesn’t matter if you can’t play your instrument, it doesn’t matter if you don’t know what the hell you’re doing — a lot of times, that’s when the most interesting music is made", erklärte neulich Natalie Hoffman, die Frontfrau der All-Girl-Band Nots in einem Interview mit BUST. Der Soundtrack zu derlei Ansagen hört sich zwar an wie eine Weirdo-Postpunk-Version von Bikini Kill an, aber das tut meinem Enthusiasmus keinen Abbruch. Im Gegenteil: Endlich mal wieder eine Band mit Message -- Eine All-Girl-Band noch dazu! --, die trotz ziemlich sperriger Musik auch außerhalb des Punkkosmos wahrgenommen wird.
Auf Albumlänge funktioniert das Ganze meiner Meinung nach nur maximal zwei Durchgänge lang -- danach wird selbst die hartgesottenste Schrammelenthusiastin eine Verschnaufpause brauchen --, aber die Band hat ohne Ende Entwicklungspotenzial, und ich bin gespannt, was nach dem im Gegensatz zu den ersten Scheiben schon deutlich vielschichtigeren Album Cosmetic noch so kommen wird.



Die Virgin Mary 7" ist auf Goner Records (US of A) und Heavenly Recordings (Europa) erschienen und landete als Geschenk von 279 in unserem Haushalt. Danke, Dude!

Nots -- Virgin Mary 7", Goner Records/Heavenly Recordings (2015)

10.09.2016

Ólafur Arnalds, Nils Frahm ‎-- Life Story / Love And Glory 7"

Worte lenken ab, wenn man mit Worten arbeitet, und so höre ich bei der Arbeit meist Instrumentalmusik. Elektro-Geplucker, Ambient, Techno, Postrock, Jazz, Soundtracks aber so gut wie nie klassische Musik, zu der ich einfach keinen Zugang zu finden scheine. Auf der Suche nach geeigneten Maloche-Soundtracks stieß ich irgendwann auf Erased Tapes Records aus London, die seit 2007 Avantgarde-Musik aus verschiedenen Genres veröffentlichen. Meist handelt es sich dabei um neoklassisches Piano-Geklimper oder flächigen Elektro-Bums. Nichts, was wehtut. Fahrstuhlmusik. Warm, melancholisch, unprätentiös. Für meine Zwecke absolut ideal.
Auf 7-Inch-Format ist das natürlich witzlos, weshalb ich mich im Nachhinein auch etwas über diese Anschaffung ärgere. Zwei Mal Fünf Minuten Pianoimprovisation von den Herren Arnalds und Frahm -- wunderschön, aber wenn die Nadel von der Platte springt, fragt man sich trotzdem: "War was?"
Wie diese Platte ihren Weg in meine Sammlung fand? Nun, ich stand im Michelle Records in Hamburg und wollte mir auf Teufel komm raus eine Kleinigkeit mitnehmen. Wer den Laden kennt, der weiß: Da gibt's alles, außer Punk. Auf allen Formaten, außer 7 Inches. Und da Nils Frahm und Ólafur Arnalds im wirklich sehr begrenzten Indie-Single-Angebot des Schuppens die einzigen mir bekannten Namen waren ... habe ich zugegriffen. Trotzdem guter Laden, dieses Michelle Records (wenn man nicht gerade Hardcore/Punk 7"s sucht).



Durch das Stichwort "Maloche-Soundtracks" kann ich jetzt auch eine zugegebenermaßen etwas gestelzte Überleitung zu meiner Arbeit machen. Und zwar übersetze ich momentan ein sehr interessantes, aber auch sehr bitteres Stück Zeitgeschichte: Das Transkript einer Gerichtsverhandlung, in der 1946 ehemalige KZ-Aufseherinnen belangt werden sollten. Im Laufe der Verhandlung werden auch ehemalige Häftlinge dieses Lagers in den Zeugenstand gerufen, und vom Anwalt der beschuldigten Aufseherinnen ins Kreuzverhör genommen. Der Kerl, also der Anwalt, ist natürlich ebenfalls Nazi und bemüht sich nach Kräften, die Häftlinge zu diskreditieren und zu Mitschuldigen zu machen. Das Ganze gipfelt dann in der Befragung einer Frau, die dafür verantwortlich war, die Arbeitsleistung ihrer Zwangsarbeit leistenden Mitgefangenen zu protokollieren und an die Firmenzentrale (Siemens!) weiterzuleiten. Geringe Arbeitsleistung bedeutete in diesem Lager die Überstellung in ein Todeslager und die sehr wahrscheinliche Ermordung durch Vergasung.
Nun, und was fragt dieser Nazi-Anwalt ein Jahr nach Kriegsende in einem deutschen Gerichtssaal die Shoa-Überlebende im Zeugenstand, um seine Nazi-Kolleginnen "zu entlasten"? Er fragt sie, wie sie ohne Gewissensbisse die Zahlen weiterleiten konnte. Sie hätte doch schließlich gewusst, was mit Häftlingen bei geringer Arbeitsleistung geschehen würde. Und obwohl die Frau antwortet, dass sie ständig von den KZ-Aufseherinnen überwacht und kontrolliert wurde und es keine Möglichkeit gab, die Zahlen zu manipulieren, bohrt der Nazi-Anwalt weiter, mach das Opfer zur Täterin und wirft ihr vor, nichts unternommen zu haben und mindestens mitschuldig am Tod ihrer Mithäftlinge gewesen zu sein ...

Wenn man solche Texte bearbeitet und nebenbei Nils Frahm oder Ólafur Arnalds hört, dann träumt man nachts nichts Gutes, das kann ich euch versichern.

Fazit 1: Erased Tapes Records sind geil. Allerdings sollten sie das 7-Inch-Format aufgeben.
Fazit 2: Augen auf beim Kauf von Küchengeräten und im Zweifel deutsche Traditionsunternehmen meiden.

Ólafur Arnalds, Nils Frahm ‎-- Life Story / Love And Glory 7", Erased Tapes Records (2015)
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